Archiv der Kategorie: Literatur

Africa

Wie ein Erdrutsch ...

Wie ein Erdrutsch …

 

Africa

Um in diese gefährliche Situation zu kommen, hatten wir nur einen dummen Fehler machen müssen.

Unser Range Rover, ein halb offener Wagen, geländegraugrün, Vierradantrieb, Mitteldifferentialsperre und mit allem möglichen technischen Schnickschnack, hatte schon uns seit Tagen durch den Tarangire Nationalpark gefahren. Wir waren auf der Suche nach Elefanten, nicht nach irgendwelchen Elefanten, wie die Rangers sie für Touristen ausfindig machen. Nein, wir suchten nach ehemaligen Handaufzuchten der Tarangire-Elefantenstation. Es ging um Elefanten, deren Mütter von Wilderern getötet wurden. Vor vielen Jahren hatte die Rettungs-Station sie aufzogen und anschließend ausgewildert. Wir waren hier um nachzusehen, ob die Tiere noch am Leben waren und wie sie sich entwickelt hatten. Erkennungsmerkmale waren Fotos und Zeichnungen von Ohrprofilen, Narben und anderen unvergänglichen Körpermerkmalen, wie zum Beispiel einem unterhalb der Schwanzwurzel gebrochenen Schwanz, einem Pigmentfleck unter dem Auge und vieles andere mehr.

Unser karges Frühstück und die Thermoskanne in den klammen Händen stolperten wir noch vor Sonnenaufgang mit schlafsteifen Knochen zum Auto. Baka war ein Mann mit großem Elefantenwissen, enormer Ortskenntnis und ergraut im Dienst als Game Ranger der Aufzuchtstation. Wir wollten versuchen möglichst viele ausgewilderte Elefanten aufzuspüren. Doch das hatte sich im Laufe unserer Suche als schwieriger herausgestellt als vermutet. Jedenfalls fluchten wir wie jeden Morgen über das verdammte frühe Aufstehen und Herumfahren. Das Thermometer des Wagens zeigte 4°C und wir zitterten in unseren viel zu dünnen Klamotten und den dämlichen kurzen Hosen. Der Fahrtwind und die fensterlosen Autotüren machten die Fahrt auch nicht angenehmer.

„Scheiß, Elefanten, verdammte!“, fluchten wir abwechselnd, auf Suaheli, Deutsch und Englisch.

„Es ist wie verhext, nach fast einer Woche haben wir nicht einen von ihnen gefunden“, maulte Baka. Heute schenkte ich mir Beschwörungsformeln, wie „Es wird schon noch …“ oder „Pass auf, heute haben wir Glück.“ Sie dienten mittlerweile sowieso nur noch meinem eigenen Durchhalten.

Mama Afrika schickte pünktlich um 6:15 die Sonne auf Streife und wie jeden Tag staunten wir über ihre rasende, fast senkrechte Reise zum Zenith. Stundenlang fuhren wir die typischen Elefantenrouten und Trinkplätze ab. – Vergeblich!

32° heißer und fünf Stunden später verfluchten wir statt der Kälte die Hitze, die Fliegen, den Schweiß und den Staub, der uns die Sicht und den Atem nahm. Am Ufer des Manjara stellten wir das Auto in den Schatten und rasteten, tauschten Fliegen gegen Mücken, Elefanten gegen Nilpferde, Giraffen und Warzenschweine. Wir kauten unser Lunchbrot, dessen zerflossene Butter unsere Hemden mit dunklen Flecken verzierte, und tranken dazu heiße Cola, die immer noch besser schmeckte, als das fade Wasser. Baka blieb fahrbereit hinter dem Steuer sitzen und hielt dort sein Nickerchen. Ich machte es mir hinten auf der Aussichtsfläche des Autos bequem, legte mir den Hut aufs Gesicht und schlief sofort ein. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, zog er auch schon wieder an meinem Fuß.

„Ist ja gut,“ murmelte ich noch schlaftrunken und ausgedörrt wie ein Flussbett in der Trockenzeit. Doch er kniff mich gemein in den Oberschenkel. Ich schrie vor Schmerz, riss die Augen auf und erkannte – das ein Pavianmännchen neben mir auf der Pritsche saß und versuchte mit seinen riesigen Zähnen an den Inhalt meiner Hosentaschen zu kommen. In Panik stoben wir auseinander. Der Pavian sprang schreiend vom Wagen und rannte davon, als wäre der Teufel hinter ihm her.

Der Motor röhrte und Baka wendete in einer engen Kurve und raste, die Hand auf die Hupe gepresst, in die Steppe hinaus. Die Paviane spritzten auseinander als würden wir durch eine Schlammpfütze jagen.

Die Reißzähne eines Pavianmannes sind lang wie Löwenzähne, und wenn die Tiere kämpfen, beißen sie erbarmungslos zu. Wenn es sein muss, legen sie sich mit Leoparden, Hyänen und Löwen an und wenn die ganze Herde auf uns losgegangen wäre, hätten wir keine Chance gehabt.

Den ganzen Nachmittag sahen wir nur wenige Elefanten. Es war selbst für sie zu heiß. Über den azurblauen Himmelsbaldachin schlichen nur wenige Wölkchen. Die Zeit stand still in der Steppe. Selbst das ewige Zwitschern der Webervögel war verstummt. In der Ferne stand ein Nashorn mit gesenktem Kopf in einem silbrig wabernden Scheinsee und schien auf irgendetwas zu warten. Aus einer Erdhöhle schauten die argwöhnischen Augen eines Warzenschweins über seine mit Hauern bewehrte Schnauze zu uns herüber. Staubteufel, die sich, von kleinen Wirbelwinden nach oben gezogen, aus der Steppe erhoben, fielen nach kurzem Vorwärtstaumeln hilflos in sich zusammen. Kastaniengroße schwarze Käfer schossen wie Kanonenkugeln durch die Luft und gemeinsam mit Mistkäfern, die begeistert ihre Dungkugeln rollten, war es das Einzige, das sich in der bleiernen Luft des frühen Nachmittags mit Freude bewegte. Noch immer keine Elefanten. Ich war hundemüde und Baka schlug vor, zur Swamp Bridge zu fahren.

„Wenn wir dort sind, dämmert es und vielleicht kommen sie zum Trinken und außerdem ist es auf dem Weg zum Lager.“ Resigniert hatte ich zugestimmt und seitdem stand ich auf der Pritsche des Wagens und genoss wenigstens den Fahrtwind.

Die Swamp Bridge führt über einen kleinen Sumpf. Schilf, dichtes Buschwerk und einige Bäume bildeten dort eine grüne Oase. Hier hofften wir, Elefanten zu finden. Wir fuhren, auf einem schmalen Weg hinein und genossen die schattige Atmosphäre inmitten dieser lebensharten, glühenden Steppe. Vor uns flog zeternd ein Schwarm Prachtfinken auf, Großlibellen mit ihren riesigen Flügeln rasteten am Schilf längs des Weges und zwei Dikdiks, hasengroße Zwergantilopen, flüchteten aufgescheucht ins Unterholz. Bald erreichten wir die in der Kolonialzeit angelegte Brücke. Sie war aus Stein, wenig breiter als unser Auto und führte in geringer Höhe über den Sumpf. Vorsichtig fuhren wir hinüber, aber trotzdem holperte es geräuschvoll, als wir das Ende erreichten.

Wie ein Bergrutsch brach sie aus den Büschen, peitschte den Rüssel durch die Luft, stellte die Ohren drohend auf, warf den Kopf in die Höhe und stierte mit kleinen, rot unterlaufenen Augen zu uns herab. Trompetend stürmte sie ein paar Schritte auf uns zu. Dann stand sie still, wie aus Bronze gegossen. Nur war das hier keine Statue. Da drohte ein drei Tonnen wiegender, wütender Elefanten, unseren Wagen jeden Moment zu zertreten, aufzuspießen und durch die Luft zu schleudern. Baka verschwand hinter seinem Lenkrad. Ich ging auf der Pritsche in Deckung. Klein machen, unsichtbar werden und hoffen, dass es ein Scheinangriff blieb.

Ihre Silhouette ragte in die glühende Sonnenscheibe und ihr Schatten verdunkelte den Boden, kroch auf unseren Wagen und nagelte ihn fest. Sie fixierte uns lange Minuten. Wir wagten nicht zu atmen. Langsam senkte sie den Kopf und beobachtete uns. Baka tauchte hinter dem Steuer auf und legte vorsichtig den Rückwärtsgang ein. Er wollte über die enge Brücke zurück fahren, um dem wütenden Elefanten aus dem Weg gehen. Die Hinterreifen standen noch auf der Brücke und Baka fuhr langsam an.

Ich hielt mich fest und beobachtete sie. Wir hatten erst eine Wagenlänge hinter uns, da fiel mein Blick auf eine Pfütze. Das Wasser vibrierte, zeigte kleine Wellenberge und Täler. In diesem Moment ahnte ich, was los war.

„Baka, mach den Motor aus!“ Er drehte sich zu mir um, als wäre ich verrückt geworden.

„Mach schon, schnell.“

Krächzend verstummte der Motor. Es wurde totenstill. Das Vibrieren der Pfütze blieb.

Sie reden miteinander

Sie reden miteinander

Die Elefantenkuh erzeugte Infraschallwellen und sprach mit jemandem, den wir nicht sehen konnten. Andere Elefanten? Ich sah mich hastig um. Da drüben warteten sie. Sechs, acht, nein, elf erwachsene Tiere standen am anderen Ende der Brücke. Sie sahen zu uns herüber, hatten den Kopf gehoben, witterten, und sie riefen nach ihr.

Für eine Elefantenkuh war sie riesig, im besten Alter, mit prachtvollen Stoßzähnen und rötlich vom Staub der Steppe. Wahrscheinlich war es die Leitkuh. Drüben standen erwachsene Muttertiere, Halbwüchsige und einige noch sehr junge Kälber.

„Wir müssen abwarten. Zurück können wir jedenfalls nicht. Sie wird uns folgen und da hinten wartet die Familie“, sagte ich.

„Ja, aber sie muss über die Brücke um hinüber zu kommen. Sie kann nicht durch den Sumpf. Alle Elefanten benutzen diese Brücke“, sagte er leise. „Verdammt, ich hätte besser aufpassen müssen.“

Wir standen also genau zwischen der Leitkuh und ihrer Herde, trotzdem sagte ich so ruhig wie möglich:

„Was soll’s Baka, Shit Happens. Wir müssen eben warten.“

„Aber in zehn Minuten ist es dunkel. Komm ins Auto, ich versuch mal was“, sagte er.

 

Vorsichtig kletterte ich durch das hintere Fenster in den Wagen und setzte mich auf den Beifahrersitz.

„Ich fahre ganz langsam von der Brücke herunter und ganz links rüber. Ich hoffe, sie begreift, dass wir ihr den Weg freimachen wollen“, flüsterte er entschlossen, und es klang wie ein Gebet. Er zog den Kopf zwischen die Schultern, griff zum Zündschlüssel und drehte ihn zögernd herum. Der Motor kam sofort. Baka nahm das Lenkrad fest in beide Hände, setzte sich zurecht und gab sanft Gas, wie um nicht zuviel Lärm zu machen. Die Reifen bewegten sich millimeterweise. Fast unmerklich schob sich der Rover zum Brückenende. Wieder hob die Leitkuh aufmerksam den Kopf. Je weiter wir voran kamen, desto größer wurde sie, und als die Vorderreifen von der Brücke rollten, und es einen kleinen Ruck gab, schnaubte sie heftig, griff mit dem Rüssel nervös in den Staub und schleudert ihn unwillig in unsere Richtung. Prasselnd schlug der Dreck auf die Frontscheibe. „Hau ab!“ hieß das. Die Warnung war unmissverständlich. Sie zog das rechte Vorderbein zurück, stieß den Fuß mit der Vorderseite in den Boden, dass es aufspritzte, machte einen halben Schritt rückwärts, um doch sofort wieder zurückzukommen, und brummte drohend. Ich schaute nach Hinten und sah, einige Elefanten auf die Brücke kommen. Die untergehende Sonne färbte die riesigen Stoßzähne der Leitkuh rot und die tiefen Falten ihrer Stirn, wurden schwarze Streifen wilden Zorns.

Baka zog noch weiter nach Links, weg vom wütenden Elefanten. Noch immer war zu wenig Platz auf dem schmalen Weg für uns und das riesige Tier. Wir fuhren mit dem Wagen weiter ins Gebüsch. Wir brauchten einfach mehr Abstand. Sie schnaufte schwer und schaukelte erregt den gewaltigen Kopf. Sie griff mit dem Rüssel ins Schilf, riss es ab und warf es auf die Erde. Ihr Blick fegte von uns zu ihrer Herde und wieder zurück.

Das Infraschallbrummen wurde noch stärker. Wegen des laufenden Motors konnten wir es nicht spüren. Wir sahen nur die Wellenberge in der Pfütze neben der Brücke immer deutlicher. Die lautlosen Elefantenstimmen ließen die Erde beben.

Unser linker Vorderreifen schob sich immer weiter ins Gestrüpp. Zweige drangen durch die Fensteröffnung und ich beugte mich weit zu Baka hinüber. Die Dämmerung stahl die Farben und machte die wütende Elefantenkuh zu einem grauen Berg. Wir hörten ihr erregtes Atmen trotz des Motors. Der Range Rover walzte das Gebüsch nieder und die Lücke zwischen uns und der Brücke, durch die sie gehen sollte, wurde größer. Der Wagen bekam immer mehr Schräglage und wir waren noch nicht sicher, ob sie uns verstand.

„Geh rüber, geh einfach über die Brücke“, presste ich durch die zusammengebissenen Zähne und rutschte ganz nach vorn auf meinem Sitz, als könnte ich dadurch mehr Platz für das Tier schaffen. Jede Minute wurde es dunkler.

„Machst du das Licht an?“, fragte ich.

„Nein“, flüsterte Baka, „das erschreckt sie vielleicht.“

Am Abendhimmel erkannten wir ihren erhobenen Rüssel.

„Sie riecht ihre Gruppe.“

„Geht sie endlich?“

„Keinen Millimeter. Vielleicht ahnt sie was wir wollen, aber sie bewegt sich nicht.“

Trompetend riefen die Elefanten nach ihrer Leitkuh.

„Sie will nicht. Die Lücke ist immer noch zu klein.“

„Wenn ich weiter fahre, kippt der Wagen um und wir sind im Eimer.“

„Mach den Motor aus. Vielleicht geht sie dann hinüber.“

Röchelnd erstarb das Motorengeräusch und schlagartig war es still.

Das niedergefahrene Gebüsch knackte. Grillen zirpten. Ein Pavian bellte in der Nähe und das Glucksen des Wassers wäre beruhigend gewesen, wenn nicht dieser wütende Elefant vor uns gestanden hätte. Nun fühlten wir auch das tiefe Brummen der Riesen. Sie unterhielten sich.

„Sie hat aufgehört zu schnaufen, hörst Du?“, fragte Baka.

„und – geht sie?“

Die Sterne wurden langsam sichtbar. Wir starrten zu ihr hinüber. Fast unhörbar bewegte sie sich auf uns zu. Zischend sog sie die Luft durch den Rüssel, schmatzte dabei, als schmeckte sie uns. Wie ein riesiger Schatten machte sie noch zwei Schritte, streckte den Rüssel herüber, berührte den rechten hinteren Reifen, griff unter den Kotflügel und hob den Wagen langsam an. Das Blech verzog sich knarrend und der Wagen neigte sich noch weiter nach links. Nun schob sie einen Stoßzahn unter das Bodenblech und hob uns noch höher.  Einige bange Sekunden hingen wir in der Luft. Dann ließ sie los. Rumpelnd fielen wir auf unsere vier Räder zurück. Wieder schickte sie eine Infraschall-Nachricht zu ihrer Herde, witterte mit hoch erhobenem Rüssel, drehte sich zur Brücke und ging langsam hinüber. Wir hörten die gedämpfte Begrüßung, dann war nur noch das leise Glucksen  des Sumpfes und das Alarmbellen einer nahen Antilope.

Wir machten das Licht an und fuhren vorsichtig aus dem Gebüsch heraus und zurück ins Lager. Am Ende der Sumpfoase ließen unsere Scheinwerfer die Augen eines Hyänenrudels bedrohlich wie Elmsfeuer aufflackern.

Im Lager verglich ich die Archivfotos der ausgewilderten Elefanten mit den Bildern, die ich vom Wagen aus gemacht hatte. Auf meinen Fotos stand sie da, wütend, tobend, herrlich. Die Ohren weit aufgestellt, den Rüssel erhoben, Stoßzähne zum Angriff bereit und auf der Brust – einen Pigmentfleck, in der Form des afrikanischen Kontinents. Es war Africa, das erste Elefantenkalb, das in der Station aufgezogen und ausgewildert worden war. Es war inzwischen zur Führerin einer großen Herde und zur Mutter vieler Kälber geworden.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Literatur

lachen leben sterben

13 Geschichten aus der Welt

220 Minuten Lesen_. 

Inhalt: lachen leben sterben

African BBQ – Namibia, Wildnis und weisse Jäger
Mond und weiße Haut – lässt uns in Indien mit schwarzen Schatten allein in der Nacht
Auf Händen tragen – Nachts im Hauptbahnhof München
Dreizehn Sekunden – führt in die grausame Welt der Kinderbanden African
Créme Brûlè – Teambildung mal anders
Mama Tube – Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde ohne es zu wollen
China, die Erste – Reisen mit Hindernissen und Sagenhelden
Das Rauschen der Termiten – Tod in der Wildnis
Der Herr auf dem Esel – Jerusalem und der denkwürdige Tag vor Palmsonntag
Dammi la mano! – Ein Krüppel, eine Mafioso und die Rache
Die Zeichnung – Ein alter Mann und seine Schuld – – ausgezeichnet mit Münchner Werkstattpreis
Abwärts in den Tod – Es brennt, na und?
Eine gute Jagd – Sympathische Jäger?!

Die Geschichten aus fünf Kontinenten zeigen das Lachen, Leben und Sterben, wie es sein kann, wenn man Augen hat zu sehen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter e-Books, Literatur, Literaturpreise, Reise Short Stories, Short Stories, Tiere

Essay: Narzissmus oder iPad-ismus?

Leben in Kurven?

Lebst Du noch oder beobachtest Du Dich schon?

„Manchmal ist es ja schon lästig, jeden Tag dasselbe zu tun. Vor allem Anfangs fiel es mir schwer. Immerhin musste ich gleich vierzig verschiedene Daten wahrnehmen, aufnehmen, manchmal messen und aufzeichnen. Eine Masse an Information, wie ich sie noch nie zuvor zusammengetragen hatte. Aber jetzt weiß ich endlich Bescheid über mich.“

So begann das Gespräch, mit meiner Sitznachbarin im Flug von Halifax nach Washington DC. Ich kann Euch sagen, ich habe auf Reisen selten etwas Spannenderes und gleichzeitig Irritierenderes gehört.

Sie hieß Anne und kam aus Detroit, lebte schon seit 4 Jahren in DC, war 34 Jahre alt, hatte einmal abgetrieben, mit 16 allerdings schon (das kam leise dahergeschämt), lebte jetzt mit einem älteren Mann zusammen, 52, hatte aber hinreichend Sex, keine Kinder, stand gern früh auf, was ihr aber wegen ihres schwachen Kreislaufs schwer fiel, litt unter ihren ungleich großen Brüsten, hatte eine Ohrenoperation gut überstanden, Plattfüße und keinen Blinddarm mehr, den Rest, ihre Zahnformel beispielsweise und die Medikamente die sie nahm habe ich nicht mehr behalten.

Das alles reichte sie mir herüber bevor wir überhaupt in der Luft waren. Nein, ich schwöre, ich kannte sie vorher nicht und bin auch nicht mit ihr zur Schule gegangen oder gar mit ihr aufgewachsen. Also, wieso erzählte sie mir das alles eigentlich?

Es lag an mir, ich hatte interessiert auf ihr iPad geguckt um zu sehen, welche App sie benutzte. Da ging sofort die Persönlichkeitsschleuse auf.

„Sie wundern sich sicher, was ich so eifrig schreibe und in Tabellen eintrage?“, fragte sie mich und bevor ich noch abwehrend den Kopf schütteln konnte, fuhr sie fort „seit dem ich das mache, bin ich mir nicht mehr fremd und jetzt weiß ich endlich über mich Bescheid.“

Nun lauschte und lernte ich mit Aufmerksamkeit. Sie war ein Self-Tracker. Ihr Leitspruch war: „Quantify my Self“. Sie erfasste sich selbst, jeden Tag, jede Minute und jeden Augenblick. Sie beobachtete ihren Körper, prüfte ihre Gedanken und dokumentierte ihre Aktivitäten. Sprich, sie notierte alles was sie tat (im eigentlichen Wortsinn) in diese App hinein.

Sie zeigte mir wie das aussah.

  • Schlaf (einschlafen, Wachliegen, Schlummern, Schlafqualität)
  • Gewicht (Morgens, Abends, zwischendurch)
  • Kalorienaufnahme (jedes Essen, total, Kauen)
  • Verdauung (Anzahl, Menge, Substanz, Farbe, Geruch …)
  • Wasserlassen (…)
  • Puls, Temperatur, Speichelfluss etc.
  • Gute Gedanken: Freundschaft, Liebe, Zuneigung, Wärme, Sex, Geilheit, Hilfe, Verantwortung, Gott …
  • Schlechte Gedanken: Wut, Ärger, Ablehnung, Vorurteil, Hass, Gleichgültigkeit, Sex (auf Nachfrage gestand sie, es sei der Wunsch Fremdzugehen oder fremden Männern auf den Ar… zu sehen) usw.
  • Aktivitäten: Arbeiten, Telefonieren, einkaufen, Tratschen, Reden, Treppensteigen, Nachdenken, Dösen, Kino, Theater, Park, Essen gehen, Sex (mit Partner, ohne Partner, Intensität des Erlebnisses) usw. …

Da wäre noch etliches Aufzuzählen, aber ich habe dann irgendwann den Überblick verloren. Ich hatte den totalen Overflow.

Ich erlitt die Erklärung ihrer Self-Tracking Balken, Linien- und Spinnennetz-Diagramme, ihren animierten Grafiken und Zahlenkolonnen, kurz ihr Leben in abstrakter Form.

Irgendwie konnte ich nicht mehr verstehen, was daran so toll ist, mit dem iPad den Durchfall der letzten Woche genau protokolliert zu sehen oder wie oft sie einkaufen war und Zwieback gegessen hatte. Auch erzählte sie mir stolz, sie hätte ihrSchlafmuster einer Künstlerin zur Verfügung gestellt und diese hätte eine Aktionskunst daraus gemacht.

Sie fühle sich nur dann sicher, wenn sie all ihre Daten auch den Freunden in Facebook zur Verfügung stellen konnte.

„I am an obsessive self quantifier” sagte sie ein bisschen traurig, aber ich glaube sie bedauerte im Wesentlichen die Zeit, die sie für die Aufzeichnungen verbrauchte. Sie zeigte mir wieder ihren iPad auf dem ein Diagramm zu sehen war und deutete auf eine Spitze in ihrem speziellen Mood-Diagramm „There I felt very, very sad“. Wer also behauptet Zahlen und Grafiken könnten nicht emotional sein? Sie erzählte mir von Freunden die an Diabetes litten, Herzerkrankungen oder Durchblutungsstörungen. Deren Vitaldaten würden permanent aufgezeichnet und stünden im Netz immer online zur Verfügung, so könnten alle Freunde sehen, wie es demjenigen gerade gehe und sich mit anderen vergleichen um ihren Zustand einzuordnen.

Mir wurde langsam schwindelig und ich dachte, dass der bei mir bisher positiv besetzte Begriff Biometrie für die Kontrolle kranker Menschen hier in sein gruseliges Gegenteil verkehrt wurde.

Beim Self-tracking verdreht sich das Gefühl für den Körper, den Geist und das Leben in sein völliges Gegenteil. Es geht um intensivste Nabelschau, abstrakten Exhibitionismus, ja, Narzissmus. Die Endeckung der Individualität wird zum Exzess getrieben um gleichzeitig in Form von gemeinsamen Tabellen wieder aufgegeben, ja gleichsam zerstreut zu werden. Ich stelle mir für die Zukunft schon Tabellen in der Tagesschau vor, in denen das durchschnittliche Verdauungsverhalten von Hessen mit dem von Niedersachsen verglichen wird, vor allem während der EHEC Zeit wäre so etwas auf allergrößtes öffentliches Interesse gestoßen. Auch das Schlafmuster von Schwaben mit dem von Berlin verglichen wäre aufschlussreich. Die mittlere Ejakulationsdauer Münchens während des Oktoberfestes wird gegen die Dauer beim Nürnberger Christkindlesmarkt gestellt (ich weiß jetzt schon wer vorne liegen wird).

Ganz interessant wird es, wenn es dann zu den Auszeichnungen für Stimmungen kommen wird. Wer war der optimistischste Bayer 2011 oder der suizidal gefährdetste Bürger Castrop-Rauxels und was ihr sonst noch so wissen wollt.

Doch zurück zu Anne.

Sie zeigte mir während des Fluges ihr gesamtes Leben der letzten Jahre. Ich kannte all ihre Gewohnheiten, Schwächen, Ängste, sexuellen Vorlieben, Facedbook und Twitter Adressen sowie einige hundert Bilder von sich und diversen Freunden und Lovern.

Während des Landeanflugs fragte ich sie, übrigens gegen meine innere Stimme die mir zuraunte sie schnell zu vergessen, nach ihrer Telefonnummer, wir könnten in D.C. ja mal essen gehen. Sie war ehrlich empört über diese Zudringlichkeit.

„Nein, mein Lieber, das geht nicht, ich kann ja nicht jedem meine sensiblen Daten anvertrauen.“

Meinen erstaunten Blick sah sie nicht mehr, sie notierte noch schnell ihre Angst bei der Landung (Puls, Körpertemperatur, schweißbedingten Hautwiderstand) sowie ein langes Gespräch mit einem aufdringlichen Fremden (bei 2 G&T ohne Eis aber mit Limone).

Morgen sehe ich auf meinem iPad bei  Facebook nach, ob ich in ihrer Stimmungskurve einen nennenswerten Zacken finde, den ich mir zuschreiben kann. Das kann ich dann bei meinen Notizen als positives Kommunikationsergebnis eintragen.

(Podcast: datensammler-selftracker-halten-jede-minute-fest.38.de DRadio)

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Essay, Literatur

LEOPARD – Tierische Lesegeschichten Bd. 1 – rechtzeitig erschienen.

Endlich erschienen!

Lange Nr. 1 der AMAZON Jugend-e-Books, wochenlang in den TOP 10 und seit Erscheinen in den TOP 100.

Nach dem unerwarteten Erfolg meines Kinderbuches als e-Book, ließ es mir keine Ruhe es auch als Print-Buch herauszubringen. Vor Weihnachten versteht sich, denn zahlreiche Vorbestellungen waren an das Datum 24. Dezember gekoppelt. Das Buch soll ein Weihnachtsgeschenk werden.

Natürlich habe ich es überarbeitet und um eine längere, großartige Geschichte aus Sri Lanka um einen Leoparden erweitert. 125 Seiten Spaß, Spannung, wilde Tiere und Wissen stecken in dem, mit fast 100 Bildern versehenen, Buch für Kinder von 6-12 Jahre.

Es geht um den Stachelschweintanz, einen Ausbrecher-Kraken, Haie, Schlangen, Fliegende Hunde, Wildschweine, natürlich einen Leoparden und viel Spaß und Spannung.

Ein Mal-Wettbewerb rundet das Buch ab. Der Wettbewerb läuft bis August 2012.

Hier eine der zahlreichen e-Book Rezensionen.

ANSEHEN? Klicken sie hier.

Wie teuer?  EURO 16,80 + 2,00 Porto & Verpackung

Bestellen gegen Rechnung? Vor Weihnachten erhalten?* Mailen Sie mir. Uwe.Kullnick@email.de

*Solange der Vorrat reicht.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Literatur

Lange die Nr. 1 und seit 11 Wochen in den Top 10. – Jetzt wieder auf Platz 1

Stachelschweintanz und Ein Krake verschwindet

11 WOCHEN IN DEN TOP 10 der AMAZON VERKAUFSLISTE. – Vielen Dank!!

Sie wollten mehr davon, und wenn Kinder mal was wollen, sind die hartnäckig. Also lag es mir auf der Seele das Kinderbuch fertigzustellen. Viele Kinder kannten meine Geschichte vom Stachelschwein ja schon. Ich hatte sie meinen Freunden zum Lesen und Vorlesen gegeben. Kollegen haben sie für ihre Kinder mitgenommen und ich habe sie vor vielen Kindern in der Schule gelesen. Die einhellige Meinung war. Mehr davon! Gibt es noch andere Geschichten? Gibt es das Stachelschwein Willy wirklich? Hast Du Bilder davon und vieles mehr? Auch fragten die Eltern nach einem Buch zum Lesen der Geschichten.

Also, hier ist es nun. Die Tierischen Lesegeschichten mit vielen Bildern und Fotos gibt es als eBook. Man kann es zwar jetzt auch schon als Kindle Buch auf dem iPad, oder Smart Phone lesen. Aber zu den Informationen, die in den Geschichten stecken, den Filmen, die dran hängen und den vielen Internetseiten, in die man einsteigen wenn man mehr über Stachelschweine, Kraken oder Löwen wissen will, richtig verlinkt, wird es erst in einiger Zeit kommen. Trotzdem ist es mit Vergnügen auf dem Kindle und sonst wo zu lesen.  Gedruckt wird es gegen Ende des Jahres, hoffentlich zu Weihnachten, vorliegen. Dazu wurden weitere Geschichten eingefügt.

Mal-Wettbewerb:  Wer mir eine besonders schöne Zeichnung von seinem Lieblingstier schickt (es muss ein wild lebendes Tier sein, kein Haustier wie Hund, Katze, Maus, Hamster oder Meerschwein), für den/die schreibe ich eine Geschichte über dieses Tier und widme sie ihm. Schickt die Mails mit den Zeichnungen bitte an cyber@action.ms. ich freuen uns schon (Einen Amazon Gutschein für das eBook gibt es dann natürlich sowieso). Die ersten Bilder sind schon eingegangen: Jaguar und Igel, Erdferkel und Elefant und ich hoffe auf noch mehr. Der Wettbewerb läuft bis August 2012.

Im November, werde ich einen Podcast mit einer Geschichte auf dieser Seite hinterlegen. Den kann man auch herunterladen und seinen Kindern zugänglich machen. So können sie die Geschichten selber hören. Eltern, Großeltern, Tanten, Onkeln können die Geschichten  vom PC oder iPod (Kassettenrecorder, wenn noch jemand diese Technik benutzt 🙂 vorlesen. Sehr überrascht war ich, wie gut die Geschichten auf dem smart phone zu lesen sind, nicht nur vom iPhone.

Eure Fragen hierzu werde ich gern beantworten.

Übrigens, man kann sich vor dem Kauf ein paar Seiten des Buches herunterladen und in Ruhe ansehen. Nun aber rasch den Kindle Reader für PCMAC oder als App herunterladen (kostet nichts und ist einfach, schnell und sicher).

3,44 Euro ist der Preis für das e-Book und durch die neue Publikationsverfahren möglich.

Viel Spaß beim (Vor-)Lesen von Der Stachelschweintanz und Ein Krake verschwindet

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Abenteuer, e-Books, Jugendliteratur, Kinderbücher, Kinderbuch, Kurzgeschichten, Literatur, Podcast, Reise Short Stories, Tiere

DREIZEHN – Meine Welt in Kurzgeschichten

Nach längerer Vorbereitung hat der Mexxbook Verlag meine Kurzgeschichten als e-Book mit dem Namen DREIZEHN  herausgebracht, und schon die ersten AMAZON-Rezensionen haben mich mehr als überrascht.

Die Gerneleserin schrieb: Fünf Sterne sind hier eigentlich zu wenig. lies mehr…

Wolfgang Schwerdt meinte: Kullnick beobachtet, beschreibt, dokumentiert und bringt damit dem Leser – nur scheinbar distanziert – das für uns Unbegreifliche von Realitäten nahe, die nicht nur weit weg von uns, wie beispielsweise die mexikanischen Kinderbanden, existieren. lies mehr…

Mit Spannung erwarte ich Eure(Ihre Meinung. Entweder auf meinem Blog oder besonders gern bei AMAZON

Zusammenfassung des Buches
Die Kurzgeschichten in „13 – Dreizehn“ sind ein kosmopolitischer Spiegel des Lebens, Kämpfens und Leidens, aber auch der Freude und des allgegenwärtigen Wunsches, aus dem Leben das Beste zu machen. Sie zeigen, dass die bloße Existenz den Protagonisten nicht genug ist. Es kommt immer noch etwas dazu, sei es Mut oder Verzweiflung, Fürsorge oder Hass, Kraft und Schwäche, Liebe und Freundschaft, Hoffnung und…

Die erste Geschichte, „Dreizehn“, nimmt den Leser mit nach Mexiko, in ein Land voller Härte und Grausamkeit, vor den geschlossenen Grenzen der USA.
„Mama Tube“ ist Joan Sutherland, Canbarra, Australien. Sie meistert ein Leben, das tausende Menschen in die Verzweiflung und den Wahnsinn getrieben hätte, und sie ist dabei noch Anderen eine Hilfe und Trost in ihren Schwierigkeiten. Beim Crash-Kontakt mit einer anderen Kultur kann der Leser versuchen sich selbst wiederzufinden. Ich lasse eine Rezensentin der Erzählung „China, die Erste“ selber sprechen: „… eine atemlose, witzige Geschichte voller Charme und Esprit, hat mir sehr gut gefallen. Das Tempo und die passenden chinesischen Sprichwörter steigern die Spannung. Aus dem Professor könnte ein Serienheld werden …“. Die menschliche Geste der Hilfe, das „Dammi la Mano“ wird brutal konterkariert und in einen Akt der Rache verwandelt. Nicht weit von Rom entfernt findet im stillen Farnese ein Krimi statt. „Nur Rauschen?“ stellt die Frage nach dem Leben. Sie ergibt sich bei der Begegnung eines Wissenschaftlers mit einer Oryx-Antilope, in einer für das Tier dramatischen Situation in Tanzania.

Die mit dem Haidhauser Werkstattpreis, München, ausgezeichnete Kurzgeschichte „Die Zeichnung“ steht am Schluss des Buches. Sie zeigt, wie Unschuld sich in Schuld verwandelt hat.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Abenteuer, e-Books, Kurzgeschichten, Literatur, Literaturpreise, Reise Short Stories, Short Stories, Tiere