Africa

Wie ein Erdrutsch ...

Wie ein Erdrutsch …

 

Africa

Um in diese gefährliche Situation zu kommen, hatten wir nur einen dummen Fehler machen müssen.

Unser Range Rover, ein halb offener Wagen, geländegraugrün, Vierradantrieb, Mitteldifferentialsperre und mit allem möglichen technischen Schnickschnack, hatte schon uns seit Tagen durch den Tarangire Nationalpark gefahren. Wir waren auf der Suche nach Elefanten, nicht nach irgendwelchen Elefanten, wie die Rangers sie für Touristen ausfindig machen. Nein, wir suchten nach ehemaligen Handaufzuchten der Tarangire-Elefantenstation. Es ging um Elefanten, deren Mütter von Wilderern getötet wurden. Vor vielen Jahren hatte die Rettungs-Station sie aufzogen und anschließend ausgewildert. Wir waren hier um nachzusehen, ob die Tiere noch am Leben waren und wie sie sich entwickelt hatten. Erkennungsmerkmale waren Fotos und Zeichnungen von Ohrprofilen, Narben und anderen unvergänglichen Körpermerkmalen, wie zum Beispiel einem unterhalb der Schwanzwurzel gebrochenen Schwanz, einem Pigmentfleck unter dem Auge und vieles andere mehr.

Unser karges Frühstück und die Thermoskanne in den klammen Händen stolperten wir noch vor Sonnenaufgang mit schlafsteifen Knochen zum Auto. Baka war ein Mann mit großem Elefantenwissen, enormer Ortskenntnis und ergraut im Dienst als Game Ranger der Aufzuchtstation. Wir wollten versuchen möglichst viele ausgewilderte Elefanten aufzuspüren. Doch das hatte sich im Laufe unserer Suche als schwieriger herausgestellt als vermutet. Jedenfalls fluchten wir wie jeden Morgen über das verdammte frühe Aufstehen und Herumfahren. Das Thermometer des Wagens zeigte 4°C und wir zitterten in unseren viel zu dünnen Klamotten und den dämlichen kurzen Hosen. Der Fahrtwind und die fensterlosen Autotüren machten die Fahrt auch nicht angenehmer.

„Scheiß, Elefanten, verdammte!“, fluchten wir abwechselnd, auf Suaheli, Deutsch und Englisch.

„Es ist wie verhext, nach fast einer Woche haben wir nicht einen von ihnen gefunden“, maulte Baka. Heute schenkte ich mir Beschwörungsformeln, wie „Es wird schon noch …“ oder „Pass auf, heute haben wir Glück.“ Sie dienten mittlerweile sowieso nur noch meinem eigenen Durchhalten.

Mama Afrika schickte pünktlich um 6:15 die Sonne auf Streife und wie jeden Tag staunten wir über ihre rasende, fast senkrechte Reise zum Zenith. Stundenlang fuhren wir die typischen Elefantenrouten und Trinkplätze ab. – Vergeblich!

32° heißer und fünf Stunden später verfluchten wir statt der Kälte die Hitze, die Fliegen, den Schweiß und den Staub, der uns die Sicht und den Atem nahm. Am Ufer des Manjara stellten wir das Auto in den Schatten und rasteten, tauschten Fliegen gegen Mücken, Elefanten gegen Nilpferde, Giraffen und Warzenschweine. Wir kauten unser Lunchbrot, dessen zerflossene Butter unsere Hemden mit dunklen Flecken verzierte, und tranken dazu heiße Cola, die immer noch besser schmeckte, als das fade Wasser. Baka blieb fahrbereit hinter dem Steuer sitzen und hielt dort sein Nickerchen. Ich machte es mir hinten auf der Aussichtsfläche des Autos bequem, legte mir den Hut aufs Gesicht und schlief sofort ein. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, zog er auch schon wieder an meinem Fuß.

„Ist ja gut,“ murmelte ich noch schlaftrunken und ausgedörrt wie ein Flussbett in der Trockenzeit. Doch er kniff mich gemein in den Oberschenkel. Ich schrie vor Schmerz, riss die Augen auf und erkannte – das ein Pavianmännchen neben mir auf der Pritsche saß und versuchte mit seinen riesigen Zähnen an den Inhalt meiner Hosentaschen zu kommen. In Panik stoben wir auseinander. Der Pavian sprang schreiend vom Wagen und rannte davon, als wäre der Teufel hinter ihm her.

Der Motor röhrte und Baka wendete in einer engen Kurve und raste, die Hand auf die Hupe gepresst, in die Steppe hinaus. Die Paviane spritzten auseinander als würden wir durch eine Schlammpfütze jagen.

Die Reißzähne eines Pavianmannes sind lang wie Löwenzähne, und wenn die Tiere kämpfen, beißen sie erbarmungslos zu. Wenn es sein muss, legen sie sich mit Leoparden, Hyänen und Löwen an und wenn die ganze Herde auf uns losgegangen wäre, hätten wir keine Chance gehabt.

Den ganzen Nachmittag sahen wir nur wenige Elefanten. Es war selbst für sie zu heiß. Über den azurblauen Himmelsbaldachin schlichen nur wenige Wölkchen. Die Zeit stand still in der Steppe. Selbst das ewige Zwitschern der Webervögel war verstummt. In der Ferne stand ein Nashorn mit gesenktem Kopf in einem silbrig wabernden Scheinsee und schien auf irgendetwas zu warten. Aus einer Erdhöhle schauten die argwöhnischen Augen eines Warzenschweins über seine mit Hauern bewehrte Schnauze zu uns herüber. Staubteufel, die sich, von kleinen Wirbelwinden nach oben gezogen, aus der Steppe erhoben, fielen nach kurzem Vorwärtstaumeln hilflos in sich zusammen. Kastaniengroße schwarze Käfer schossen wie Kanonenkugeln durch die Luft und gemeinsam mit Mistkäfern, die begeistert ihre Dungkugeln rollten, war es das Einzige, das sich in der bleiernen Luft des frühen Nachmittags mit Freude bewegte. Noch immer keine Elefanten. Ich war hundemüde und Baka schlug vor, zur Swamp Bridge zu fahren.

„Wenn wir dort sind, dämmert es und vielleicht kommen sie zum Trinken und außerdem ist es auf dem Weg zum Lager.“ Resigniert hatte ich zugestimmt und seitdem stand ich auf der Pritsche des Wagens und genoss wenigstens den Fahrtwind.

Die Swamp Bridge führt über einen kleinen Sumpf. Schilf, dichtes Buschwerk und einige Bäume bildeten dort eine grüne Oase. Hier hofften wir, Elefanten zu finden. Wir fuhren, auf einem schmalen Weg hinein und genossen die schattige Atmosphäre inmitten dieser lebensharten, glühenden Steppe. Vor uns flog zeternd ein Schwarm Prachtfinken auf, Großlibellen mit ihren riesigen Flügeln rasteten am Schilf längs des Weges und zwei Dikdiks, hasengroße Zwergantilopen, flüchteten aufgescheucht ins Unterholz. Bald erreichten wir die in der Kolonialzeit angelegte Brücke. Sie war aus Stein, wenig breiter als unser Auto und führte in geringer Höhe über den Sumpf. Vorsichtig fuhren wir hinüber, aber trotzdem holperte es geräuschvoll, als wir das Ende erreichten.

Wie ein Bergrutsch brach sie aus den Büschen, peitschte den Rüssel durch die Luft, stellte die Ohren drohend auf, warf den Kopf in die Höhe und stierte mit kleinen, rot unterlaufenen Augen zu uns herab. Trompetend stürmte sie ein paar Schritte auf uns zu. Dann stand sie still, wie aus Bronze gegossen. Nur war das hier keine Statue. Da drohte ein drei Tonnen wiegender, wütender Elefanten, unseren Wagen jeden Moment zu zertreten, aufzuspießen und durch die Luft zu schleudern. Baka verschwand hinter seinem Lenkrad. Ich ging auf der Pritsche in Deckung. Klein machen, unsichtbar werden und hoffen, dass es ein Scheinangriff blieb.

Ihre Silhouette ragte in die glühende Sonnenscheibe und ihr Schatten verdunkelte den Boden, kroch auf unseren Wagen und nagelte ihn fest. Sie fixierte uns lange Minuten. Wir wagten nicht zu atmen. Langsam senkte sie den Kopf und beobachtete uns. Baka tauchte hinter dem Steuer auf und legte vorsichtig den Rückwärtsgang ein. Er wollte über die enge Brücke zurück fahren, um dem wütenden Elefanten aus dem Weg gehen. Die Hinterreifen standen noch auf der Brücke und Baka fuhr langsam an.

Ich hielt mich fest und beobachtete sie. Wir hatten erst eine Wagenlänge hinter uns, da fiel mein Blick auf eine Pfütze. Das Wasser vibrierte, zeigte kleine Wellenberge und Täler. In diesem Moment ahnte ich, was los war.

„Baka, mach den Motor aus!“ Er drehte sich zu mir um, als wäre ich verrückt geworden.

„Mach schon, schnell.“

Krächzend verstummte der Motor. Es wurde totenstill. Das Vibrieren der Pfütze blieb.

Sie reden miteinander

Sie reden miteinander

Die Elefantenkuh erzeugte Infraschallwellen und sprach mit jemandem, den wir nicht sehen konnten. Andere Elefanten? Ich sah mich hastig um. Da drüben warteten sie. Sechs, acht, nein, elf erwachsene Tiere standen am anderen Ende der Brücke. Sie sahen zu uns herüber, hatten den Kopf gehoben, witterten, und sie riefen nach ihr.

Für eine Elefantenkuh war sie riesig, im besten Alter, mit prachtvollen Stoßzähnen und rötlich vom Staub der Steppe. Wahrscheinlich war es die Leitkuh. Drüben standen erwachsene Muttertiere, Halbwüchsige und einige noch sehr junge Kälber.

„Wir müssen abwarten. Zurück können wir jedenfalls nicht. Sie wird uns folgen und da hinten wartet die Familie“, sagte ich.

„Ja, aber sie muss über die Brücke um hinüber zu kommen. Sie kann nicht durch den Sumpf. Alle Elefanten benutzen diese Brücke“, sagte er leise. „Verdammt, ich hätte besser aufpassen müssen.“

Wir standen also genau zwischen der Leitkuh und ihrer Herde, trotzdem sagte ich so ruhig wie möglich:

„Was soll’s Baka, Shit Happens. Wir müssen eben warten.“

„Aber in zehn Minuten ist es dunkel. Komm ins Auto, ich versuch mal was“, sagte er.

 

Vorsichtig kletterte ich durch das hintere Fenster in den Wagen und setzte mich auf den Beifahrersitz.

„Ich fahre ganz langsam von der Brücke herunter und ganz links rüber. Ich hoffe, sie begreift, dass wir ihr den Weg freimachen wollen“, flüsterte er entschlossen, und es klang wie ein Gebet. Er zog den Kopf zwischen die Schultern, griff zum Zündschlüssel und drehte ihn zögernd herum. Der Motor kam sofort. Baka nahm das Lenkrad fest in beide Hände, setzte sich zurecht und gab sanft Gas, wie um nicht zuviel Lärm zu machen. Die Reifen bewegten sich millimeterweise. Fast unmerklich schob sich der Rover zum Brückenende. Wieder hob die Leitkuh aufmerksam den Kopf. Je weiter wir voran kamen, desto größer wurde sie, und als die Vorderreifen von der Brücke rollten, und es einen kleinen Ruck gab, schnaubte sie heftig, griff mit dem Rüssel nervös in den Staub und schleudert ihn unwillig in unsere Richtung. Prasselnd schlug der Dreck auf die Frontscheibe. „Hau ab!“ hieß das. Die Warnung war unmissverständlich. Sie zog das rechte Vorderbein zurück, stieß den Fuß mit der Vorderseite in den Boden, dass es aufspritzte, machte einen halben Schritt rückwärts, um doch sofort wieder zurückzukommen, und brummte drohend. Ich schaute nach Hinten und sah, einige Elefanten auf die Brücke kommen. Die untergehende Sonne färbte die riesigen Stoßzähne der Leitkuh rot und die tiefen Falten ihrer Stirn, wurden schwarze Streifen wilden Zorns.

Baka zog noch weiter nach Links, weg vom wütenden Elefanten. Noch immer war zu wenig Platz auf dem schmalen Weg für uns und das riesige Tier. Wir fuhren mit dem Wagen weiter ins Gebüsch. Wir brauchten einfach mehr Abstand. Sie schnaufte schwer und schaukelte erregt den gewaltigen Kopf. Sie griff mit dem Rüssel ins Schilf, riss es ab und warf es auf die Erde. Ihr Blick fegte von uns zu ihrer Herde und wieder zurück.

Das Infraschallbrummen wurde noch stärker. Wegen des laufenden Motors konnten wir es nicht spüren. Wir sahen nur die Wellenberge in der Pfütze neben der Brücke immer deutlicher. Die lautlosen Elefantenstimmen ließen die Erde beben.

Unser linker Vorderreifen schob sich immer weiter ins Gestrüpp. Zweige drangen durch die Fensteröffnung und ich beugte mich weit zu Baka hinüber. Die Dämmerung stahl die Farben und machte die wütende Elefantenkuh zu einem grauen Berg. Wir hörten ihr erregtes Atmen trotz des Motors. Der Range Rover walzte das Gebüsch nieder und die Lücke zwischen uns und der Brücke, durch die sie gehen sollte, wurde größer. Der Wagen bekam immer mehr Schräglage und wir waren noch nicht sicher, ob sie uns verstand.

„Geh rüber, geh einfach über die Brücke“, presste ich durch die zusammengebissenen Zähne und rutschte ganz nach vorn auf meinem Sitz, als könnte ich dadurch mehr Platz für das Tier schaffen. Jede Minute wurde es dunkler.

„Machst du das Licht an?“, fragte ich.

„Nein“, flüsterte Baka, „das erschreckt sie vielleicht.“

Am Abendhimmel erkannten wir ihren erhobenen Rüssel.

„Sie riecht ihre Gruppe.“

„Geht sie endlich?“

„Keinen Millimeter. Vielleicht ahnt sie was wir wollen, aber sie bewegt sich nicht.“

Trompetend riefen die Elefanten nach ihrer Leitkuh.

„Sie will nicht. Die Lücke ist immer noch zu klein.“

„Wenn ich weiter fahre, kippt der Wagen um und wir sind im Eimer.“

„Mach den Motor aus. Vielleicht geht sie dann hinüber.“

Röchelnd erstarb das Motorengeräusch und schlagartig war es still.

Das niedergefahrene Gebüsch knackte. Grillen zirpten. Ein Pavian bellte in der Nähe und das Glucksen des Wassers wäre beruhigend gewesen, wenn nicht dieser wütende Elefant vor uns gestanden hätte. Nun fühlten wir auch das tiefe Brummen der Riesen. Sie unterhielten sich.

„Sie hat aufgehört zu schnaufen, hörst Du?“, fragte Baka.

„und – geht sie?“

Die Sterne wurden langsam sichtbar. Wir starrten zu ihr hinüber. Fast unhörbar bewegte sie sich auf uns zu. Zischend sog sie die Luft durch den Rüssel, schmatzte dabei, als schmeckte sie uns. Wie ein riesiger Schatten machte sie noch zwei Schritte, streckte den Rüssel herüber, berührte den rechten hinteren Reifen, griff unter den Kotflügel und hob den Wagen langsam an. Das Blech verzog sich knarrend und der Wagen neigte sich noch weiter nach links. Nun schob sie einen Stoßzahn unter das Bodenblech und hob uns noch höher.  Einige bange Sekunden hingen wir in der Luft. Dann ließ sie los. Rumpelnd fielen wir auf unsere vier Räder zurück. Wieder schickte sie eine Infraschall-Nachricht zu ihrer Herde, witterte mit hoch erhobenem Rüssel, drehte sich zur Brücke und ging langsam hinüber. Wir hörten die gedämpfte Begrüßung, dann war nur noch das leise Glucksen  des Sumpfes und das Alarmbellen einer nahen Antilope.

Wir machten das Licht an und fuhren vorsichtig aus dem Gebüsch heraus und zurück ins Lager. Am Ende der Sumpfoase ließen unsere Scheinwerfer die Augen eines Hyänenrudels bedrohlich wie Elmsfeuer aufflackern.

Im Lager verglich ich die Archivfotos der ausgewilderten Elefanten mit den Bildern, die ich vom Wagen aus gemacht hatte. Auf meinen Fotos stand sie da, wütend, tobend, herrlich. Die Ohren weit aufgestellt, den Rüssel erhoben, Stoßzähne zum Angriff bereit und auf der Brust – einen Pigmentfleck, in der Form des afrikanischen Kontinents. Es war Africa, das erste Elefantenkalb, das in der Station aufgezogen und ausgewildert worden war. Es war inzwischen zur Führerin einer großen Herde und zur Mutter vieler Kälber geworden.

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