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lachen leben sterben

13 Geschichten aus der Welt

220 Minuten Lesen_. 

Inhalt: lachen leben sterben

African BBQ – Namibia, Wildnis und weisse Jäger
Mond und weiße Haut – lässt uns in Indien mit schwarzen Schatten allein in der Nacht
Auf Händen tragen – Nachts im Hauptbahnhof München
Dreizehn Sekunden – führt in die grausame Welt der Kinderbanden African
Créme Brûlè – Teambildung mal anders
Mama Tube – Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde ohne es zu wollen
China, die Erste – Reisen mit Hindernissen und Sagenhelden
Das Rauschen der Termiten – Tod in der Wildnis
Der Herr auf dem Esel – Jerusalem und der denkwürdige Tag vor Palmsonntag
Dammi la mano! – Ein Krüppel, eine Mafioso und die Rache
Die Zeichnung – Ein alter Mann und seine Schuld – – ausgezeichnet mit Münchner Werkstattpreis
Abwärts in den Tod – Es brennt, na und?
Eine gute Jagd – Sympathische Jäger?!

Die Geschichten aus fünf Kontinenten zeigen das Lachen, Leben und Sterben, wie es sein kann, wenn man Augen hat zu sehen.

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Mond und weiße Haut

Schrille Schreie, dumpfes Brausen und schwül-heiße Luft bildeten den Hintergrund der Szene. Es ist beinahe dreißig Minuten her, seit ich dieses Erlebnis hatte und es aufschreiben kann. Immerhin kann man daraus schließen, dass ich die Angelegenheit überlebt und hoffentlich auch ohne später eintretende Schäden überstanden habe.

„Geh ruhig ins Wasser, Du kannst es wagen“, sagte mein Begleiter. „Es ist toll hier kurz nach der Dämmerung.“

„Woher willst Du das denn wissen?“

„Ich komme manchmal her und es sind außer mir um diese Zeit auch andere Menschen im Wasser.“

„Du weißt, ich bin nicht ängstlich, aber in ziemlicher Dunkelheit in ein unbekanntes Wasser, in dem wer weiß was herum schwimmt, zu steigen ….?“

„Keine Sorge. Es passiert sicher nichts. Du solltest nur kein Wasser schlucken, klar!“

Schon war ich überzeugt und so zog ich meine Kleidung aus, es war wegen der Hitze wenig genug. In meinen engen Shorts ging ich an das Wasser heran. In unbekannten Gewässern ist es immer besser unten rum etwas Geeignetes anzuhaben. Ich war zwar hier nicht in Südamerika und Afrika, wo einem sonst was in die Harnröhre oder den After schlüpfen könnte, aber ich hatte schon einmal in einem Fluss in Florida Fische erlebt, die zuerst Hautschüppchen von meinem Rücken und Beinen zupften, aber sich dann auch, bedingt durch den freien Zugang eines sehr weiten Boxershorts, erdreisteten, an meinem liebsten Freund südlich des Äquators zu zupfen; ein unterirdisches Gefühl, fast wie der weiße Hai in der Badehose.

Langsam glitt ich ins Wasser. Es war beinah kalt. Bei den 40° Umgebungstemperatur am frühen Abend war die Differenz von ungefähr 15° nicht unerheblich. Habe ich schon erzählt wo ich gerade bin? Ich bin in Indien, diesem seltsamen Subkontinent, der einen von einer Sekunde zur anderen zu einem Ommmmmuahhhh summenden Kontemplaten, zu einem verzweifelten Menschenhasser, worunter in der Regel die reichen Menschen gerieren, oder zu einem sabbernden, flüssigkeitsspeienden Monstrum machen kann. Indien also

In der Dunkelheit stieg ich in ein unbekanntes Gewässer um mich zu erfrischen. „So, so“, würde jeder vernünftige Mensch sagen, und „ist der eigentlich verrückt?“ Aber man wird sehen, es hat sich gelohnt.

Bald stand mir dass Wasser bis zum Hals und ich musste schwimmen. Also legte ich mich auf den Rücken und paddelte mit seitlich ausgestreckten Armen etwas herum um nicht unterzugehen. Da sah ich ihn!

Den Mond. Halbfertig hing er über mir, die Ecken gerade ein bisschen runder als bei einem perfekten Halbmond strahlte er vom sternenbekleckerten Himmel auf mich und die Pfütze in der ich schwamm herab. Da ich einen mittelgroßen Belly mit mir herumschleppe, guckte dieser etwas aus dem Wasser heraus und stieg und sank im Rhythmus meines Atems auf und ab, wie ein Berg in einem Meer, der im Zuge der Gezeiten mal höher, mal niederiger aus dem Wasser heraussieht. Der weiße, runde Hügel glänzte dem Mond entgegen. Die Sterne blinkten in der flimmernden Atmosphäre, die Vögel schrien ihr nächtliches Schlaflied in die Welt und hier und da hörte ich einen Affen rufen. Einer der vielen Nachtschmetterlinge flatterte über das Wasser. Er schien Gefallen an meinem weißglänzenden, im Wasser schaukelnden Berg zu finden. Er flatterte eine Weile um mich herum, bekam Gesellschaft von einem weiteren, dessen einzelne, wie Dachziegel angeordneten Flügelschuppen, im scharfen Mondlicht über der Wasserfläche leuchteten. Ein Bild des Friedens. Gedämpft, hörte ich das Brausen eines kleinen Wasserfalls.
Frieden, Ruhe, Glück.
Wusch, wusch-wusch. Die Schmetterlinge waren weg.
Wo sind sie hin? Was war das für ein Wusch?
Ah, da war ein weiterer geflügelter Nachtschwärmer. Mutig setzte er sich, ja fiel nahezu auf meinen in diesem dunklen Gewässer unter dem grinsenden Mond glänzenden Europäerbauch herab und machte es sich dort bequem.

Wusch, war auch er weg. Ein schwarzer Schatten hatte ihn geholt und ich fühlte einen kalten Hauch auf der Haut und in meiner Seele. Was war dieses Wusch?

Schnell holte ich ihn unter Wasser, den Bauch nämlich, aber nun leuchtet meine Platte im Mondlicht, sie ist nicht sehr groß und ich kann sie nicht sehen, aber ich wußte, sie ist da und wirkt wie ein Scheinwerfer. Ich hörte das Flattern der Falter auf der Suche nach dem von meinem Haarkranz umringten Landeplatz.

Langsam wurde mir ungemütlich. Ich schwamm zum Ufer zurück. Das wusch, wusch, wusch umgab mich und zugleich hörte ich, nun ein Stück vom Wasserfall entfernt, ein ganz leises Keckern und Klicken. Da fiel der Groschen!

Ich wurde ganz ruhig, entspannte mich, legte mich auf den Rücken und dümpelte wieder an der Wasseroberfläche.
Da waren sie wieder, die Nachtfalter und auch ein paar riesige Käfer. Sie fanden meinen europäischen Hautinselberg offenbar zu attraktiv in dieser Tropennacht, um ihm widerstehen zu können.

Sie umschwirrten mich und ich wartete geduldig. Klickklickklick – wusch-wusch und die dicke Zikade, die gerade landen wollte, war weg. Wuschwusch, und schon wieder waren einige Motten Fledermausfutter.

Ich genoss das Schauspiel der jagenden Fledermäuse außerordentlich. Nach einem Augenblick der Angst und Unsicherheit konnte ich der Eleganz und Naturhaftigkeit dieses Schauspiels, dessen Auslöser mein aus dem Wasser ragender Wohlstandshügel war, genießen.

Sie kamen immer wieder, Opfer und Beute. Wegen der sanften Strömung trieb ich beim Beobachten immer weiter in Richtung Wasserfall. Währenddessen hatten die Fledertiere Dutzende Insekten verspeist. Als die Wellen, die der Wasserfall verursachte so stark wurden, dass ich es nicht mehr verhindern konnte Wasser in die Nase und damit in den Mund zu bekommen, holte ich die Insel wieder ins Wasser zurück, schwamm langsam zum Ufer und verabschiedete mich von diesem Erlebnis.

So nah wie heute bin ich Fledermäusen bei der Jagd noch nie gewesen. Manchmal haben sie mich sogar mit ihren Schwingen ganz sanft berührt. Es war ein einmaliges Erlebnis. Ich verließ das Wasser, streckte die Hand nach dem Griff aus und kletterte die Leiter des Swimmingpools hinauf.
Toll, dies Hotel mitten in Delhi, das so etwas zu bieten hat.

Nächtlicher Jäger

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