Jagd nach dem Regen

Tropfen adrian.benko

Nach zwei Stunden hatte der Regen endlich aufgehört. Das Wasser sammelte sich auf den obersten Blättern und Ästen der hohen Buchen und bildete im durchbrechenden Licht des frühen Herbstmorgens rinnendes Silber auf dem Weg zur Erde. Die Ströme liefen zusammen und fielen als kleine Wasserpakete auf die unter den Buchen heranwachsenden Eschen und halbwüchsigen Ahornbäume, wo sie zu tausend blitzenden Splittern auseinanderspritzten und als eine Art Regen der zweiten Etage das mannshohe Gebüsch benetzten. Dies und das Platschen riesiger Wassertropfen auf Farne, Gräser und Büsche machten das Geräusch aus, das sich immer nach einem heftigen Niederschlag durch den lichten Wald zog. Dunst stieg auf und betupfte die klare, frische Luft.

Atemgeräusche drangen aus dem Gebüsch und schweres Schnaufen wies auf die dort hockenden Jäger hin. Noch wagten sie sich nicht aus ihrem Regenschutz hervor. Zu leicht schlügen ihnen die Wasserbömbchen von den hohen Bäumen mit voller Wucht auf den Kopf.

„So“, kurz und scharf klang es, „dann können wir wohl? Etwas Besseres als dieser Regen konnte uns gar nicht passieren. Nach einem ergiebigen Schauer ist die Jagd viel leichter als sonst. Die Luft ist klar und rein, die Sicht gut und man selbst ist frisch und aufmerksam.“

Buche

Der, der diese Worte sprach ist der dickere von Beiden. Trotz der Deckung im dichten Gebüsch liefen ihm dicke Wassertropfen über das Gesicht. Es ist einer jener dunklen, kräftigen Kerle, die mit selbstsicherem Auftreten und jovialem Gehabe Andere allein dadurch einschüchtern, dass sie sich stark fühlen und das ungeniert zeigen.

Der zweite ist ein eher schüchterner, schmaler Typ, eine der Figuren, die immer so aussehen, als hätte man sie gerade aus dem Wasser gezogen.

„Vielen Dank auch noch, dass Du mich zu Jagd mitnimmst. Du weiß ja, dass es das erste Mal für mich ist.“, sagte er und merkte sofort, dass es ihm wieder nicht gelungen war Zuversicht und Entschlossenheit auszustrahlen.

„Ach was, irgendwann ist es ja für Jeden das erste Mal.“, sagt der Dicke und grinste seinen Begleiter an, wobei er seine Zähne herausfordernd blitzen ließ.

„Ich weiß immer noch nicht, ob ich es schaffen werde – wenn es Ernst wird.“, sagte der Dünne und ärgerte sich schon wieder über seinen Mangel an Unerschrockenheit.

„Du weißt genau, dass es sein muss. Es werden sonst zu viele und außerdem richten sie ganz schön Schaden an, überall. Du wirst sehen, wir jagen nicht wahllos alles.“ , fuhr der Dicke ihn an.

„Außerdem ist es auch für uns nicht ganz ungefährlich so zu jagen, wie wir es seit der neuen Zeit machen. Früher wäre diese Art Jagd hier bei uns auch gar nicht möglich gewesen.“

Der Dünne fragte ängstlich, „Ist es wirklich so gefährlich wie man immer hört.“

„Na ja, wenn man leichtsinnig ist erwischt es einen schon mal. Aber keine Sorge, ich zeige Dir genau wie es gemacht wird. Ich hatte schon zig mal Erfolg. Voriges Jahr hatte ich mal eine Dreier-Strecke an einem Tag.“, doziert er und machte seine gedrungenen Gestalt so groß wie möglich.

Der Dünne versankt in nachdenklichem Schweigen.

Längst ist alles an ihnen nass; sie haben zu viele Büsche gestreift und dauernd trafen sie Wasserbomben.
„Man muss die besten Stücke erkennen, sehen ob sie sich lohnen, nicht so kleine Mickerdinger aussuchen.“, fing der Dicke wieder an, „Ordentliche Trophäen müssen es schon sein. Ich zeig dir genau wie es geht. Nachher musst Du dann aber auch mal selbst ran, ok?“

Dann lag sie vor ihnen, die große Schneise die durch den Bau der Bundesstraße entstanden war und die den kleinen Wald in zwei ungleiche Teile zerhackte. Wie ein flüssiges schwarzes Band aus Lakritz lag sie vor ihnen. Die noch tief stehende Morgensonne zauberte an einigen Stellen rotgoldene Schlieren auf die Strasse. Sie bog von Norden kommend in einer überhöhten Kurve elegant nach Osten ab, öffnete den Blick auf ein schönes kleines Tal rechts der Fahrbahn und verschwand im feurigen, am Horizont klebenden Sonnenball.

Früher, so erinnerte sich der Dünne seufzend, waren hier Steilwände am Fluss in denen ein Eisvogelpärchen seine Nisthöhle hatte. Ach ja, damals, als das Flüsschen noch nicht in einer großen Betonröhre unter der Straße verschwunden war war alles so viel ruhiger hier gewesen.

In der morgendlichen Sonnenflut fuhren zu dieser frühen Stunde nur wenige Fahrzeuge. Die meisten bewegten sich mit hoher Geschwindigkeit und zogen hoch aufspritzende, leuchtende Wasserschleier hinter sich her. Nach einer Weile des vorsichtigen Anpirschens wandte sich der Dicke an den Anfänger. „Pass auf, wenn Du das Wild genau beobachtet und dir ein passendes Stück herausgesucht hast, konzentrierest du dich ganz auf dein Ziel, aber ohne dabei die anderen aus den Augen zu lassen. Du stellst Dich so dicht wie möglich heran und wartest. Dann, im entscheidenden Augenblick, schlägst Du zu, klar? Pass aber immer auf die Anderen auf. Die rächen sich manchmal sofort.“
Der Dünne nickte zaghaft. „Aber Du machst es mir noch mal vor?.“
„Klar doch.“, brummt der Dicke und machte sich fertig.

Ein Wagen näherte sich mit mäßiger Geschwindigkeit. Es war ein Renault mit einer jungen Frau am Steuer. Der Jäger schüttelte unwillig den Kopf – zu unbedeutend. Dann, noch fern, man erkannte ihn noch, bevor er zu erkennen war. Fachkundig nickt der Jäger, „mindestens ein Porsche“ und zog voller Vorfreude den rechten Mundwinkel hoch.

Die Musik und der Wagen dröhnten um die Wette Der Fahrer kannte die Kurve gut. Leicht überhöht war sie und ein richtiger Mann nahm sie ohne zu bremsen. Plötzlich tauchten im goldenen Spiegel den die Sonne auf die nasse Fahrbahn warf, zwei Schatten auf, einer dick und klein, der andere dünn. Der Dicke rannt los, frontal auf den Wagen zu, drehte wieder ab und flitzte gewand zur anderen Straßenseite hinüber, stoppte, fuhr herum und guckte mit aufgerissenen Augen was geschah. Der Dünne stand vor Angst unbeweglich halb auf der Fahrbahn und starrte auf das Geschehen.

Als der dicke Schatten auf ihn zu kam wich der Wagen zuerst nach Links aus, als dieser jedoch zur anderen Straßenseite abbog riss der Fahrer das Steuer nach Rechts, und war fast gerettet,da machte der Dünne unentschlossen einen Schritt nach vorn und der Porsche versuchte wieder nach Links auszuweichen, bremste, schleuderte, rutschte, verlor die Längsorientierung, stand nun seitlich zu Fahrtrichtung, drehte sich, die Sonne erleuchtet dabei das verkrampfte Gesicht des Fahrers, wie für ein letztes Foto, und der Wagen fing an sich zu überschlagen. Ein, zwei, drei komplette Rollen, dann schlitterte das Fahrzeug von der Straße in Richtung Tal, fiel die wenigen Meter hinab dahin, wo die Betonröhre das ehemalige Flüsschen wieder ausspuckt und blieb kopfüber liegen. Dann war alles wieder ganz ruhig. Sogar das Radio schwieg.

„Siehst Du?“, sagte das dicke Wildschwein, „Es ist ganz einfach. Jetzt laufen wir ein Stück an der Straße entlang nach Norden zur nächsten Kurve und da probierst Du es.“

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Eingeordnet unter Literatur, Short Stories

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